Über das Projekt

Vergessene Vielfalt Auf den Spuren der Äpfel
Eine neu angelegte Streuobstwiese in der Nähe des tschechischen Ortes Nahorecice

Von Dieter Friedrich und Silvia Kölbel

Christina Schmidt hätte es nie für möglich gehalten, dass man sich ein ganzes Jahr mit dem Thema Apfel beschäftigen kann. Die junge Frau ist 19 Jahre alt und absolviert gerade ihr freiwilliges ökologisches Jahr im Landschaftspflegeverband „Oberes Vogtland“. Das Vogtland bildet den größten Kreis im Freistaat Sachsen und reicht genau genommen noch über die Landesgrenzen hinaus. In den Kammlagen des Mittelgebirges auf etwa 600 Meter Höhe treffen hier die Bayern, Vogtländer und Tschechen aufeinander.

Alle steuern ein Fleckchen Erde zum Vogtland bei. Pomologisch (Pomologie = Lehre vom Obstbau Anm. d. Red.) gesehen ist das Vogtland eine „Ausnahmeregion“. Schon 1924 wussten die Obstanbauer, dass es im Vogtland kälter ist als anderswo und nicht jede Sorte die oftmals kalten Winter mit Kälteeinbrüchen bis minus 20 Grad übersteht. Viele Apfelsorten kommen trotzdem mit dem rauen Klima in 600 Meter Höhe gut zurecht. Äpfeln sagt man nach, dass sie das Klima nördlich der Alpen mögen. Nur mit dem richtigen Maß an Sonne, Kälte, Regen und Wind entwickeln sie die von den Deutschen so geschätzte Fruchtsäure und Süße. Nicht umsonst isst ein Drittel der Einwohner zwischen Nordseeküste und Alpen am liebsten Äpfel. Knackig sollen sie sein, fruchtig im Geschmack und angenehm süß- säuerlich. Doch was mancher in seiner Einkaufstüte nach Hause trägt, schmeckt fade und einheitlich. Christina jedenfalls hat ihren Lieblingsapfel nicht an der Obsttheke eines Supermarktes entdeckt, sonder auf einer Streuobstwiese in Görnitz, einem kleinen Vogtländischen Dorf.

 

„Je mehr man sich mit den Äpfel beschäftigt, desto interessanter wird die Sache“, berichtet die junge Frau. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Nadine Schmidt, die ebenfalls ein ökologisches Jahr absolviert, und anderen Mitarbeiten des Pflegeverbandes machten sie sich auf die Suche nach den Apfelsorten unserer Vorfahren. Sieben Streuobstwiesen des oberen Vogtlandes nahmen die beiden jungen Frauen unter die Lupe. Eine Sorte mit dem ungewohnt klingenden Nahmen „Apfel von

Croncels“ führt die „Hitliste“ der am häufigsten vorhandenen Sorte an. „Croncels“, wie man ihn kurz und bündig nennt, stammt aus Frankreich und wurde dort im Jahr 1859 in den Handel gebracht. Den Platz zwei teilen sich der „Kaiser Wilhelmapfel“ und die Sorte „Schöner von Boskoop“. Der “ Boskoop“ gehört zu den wenigen alten Sorten, die auch heute noch im Handel zu haben sind. Er zählt zu den eher säuerlichen Sorten, die sich gut zum Backen und Kochen eignen, aber auch industriell für die Saftgewinnung wertvoll sind. Es folgen auf den Plätzen drei und vier die Sorten „Biesterfelder Renette“ und „Großherzog Friedrich von Baden“. Doch nicht nur die sieben Streuobstwiesen durchforschten Nadine und Christina nach alten Sorten. Alle Obstbaumbesitzer der Umgebung waren aufgefordert, ihre Früchte bestimmen zu lassen. Die Resonanz bei den Hobbygärtnern und Landwirten war groß. Einem ersten Aufruf im vergangenen Jahr folgten 200 Apfelbaumbesitzer.Sie brachten 630 Apfelproben zum Bestimmen nach Markneukirchen. Dort hat der Landschaftspflegeverband seinen Sitz. Mit der Sortenbestimmung wären die beiden jungen Frauen hoffnungslos überfordert gewesen. Wilfried Müller von der Bundesgeschäftsstelle der Pomologen aus Aue im Erzgebirge stand dem Verband zur Seite. Doch auch ihm gelang es nicht, jedem Apfel einen Namen zu geben. Auch Christinas Lieblingsapfel blieb namenlos. Von ihm weiß die junge Frau lediglich, dass er hervorragend schmeckt und an einem Baum wächst, der schon seit mindestens 70 Jahren auf kargem Vogtländischen Boden wächst und gedeiht. „Etwa zwei Drittel der Äpfel konnten wir bestimmen“, sagt sie. Als Grundlage für künftige Projekte stellten die beiden „Forscherinnen“ ein Herbarium aus Apfelkernen zusammen. Für diese mühselige Arbeit gab es gleich zwei gute Gründe : So mancher kleine braune Kern gibt dem Pomologen den entscheidenden Hinweis bei der Bestimmung.

Für den Laien mag es unglaublich klingen : Die Apfelkerne unterscheiden sich wesentlich in ihrem Aussehen. Außerdem lassen sich Kerne länger lagern als die Früchte. Alle Äpfel stellte der Verein zur ersten Vogtländischen Kernobstschau im vorigen Jahr aus und fotografierte die einzelnen Sorten. Mit einem neuen Projekt macht der Landschaftspflegeverband in diesem Jahr auf sich aufmerksam. „Erfassung, Kartierung und Erhaltung alter Vogtländischer

und Nord- Westböhmischer Obstsorten“ steht auf den Antragsunterlagen an die Euregio Egrensis. Christina Schmidt und Nadine Schmidt lernten während ihres Freiwilligen Ökologischen Jahres viel über die Bedeutung alter Obstsorten. Zu ihren Aufgaben gehörte auch das Beschriften der gepflanzten Bäume. Christoph Mann, der Geschäftsführer des Landschaftspflegeverbandes „Oberes Vogtland“ mit einem von jungen Mitarbeiterinnen angelegten Apfelkern- Herbarium. Gemeinsam mit dem ökologischen Zentrum Meluzina bei Karlovy Vary sollen weitere Streuobstwiesen analysiert werden. Eine gemeinsame Exkursion führte die Mitarbeiter des grenzüberschreitenden Projektes an die Hänge des Duppauer Gebirges (Doupovske hory) auf tschechischer Seite. Valec, ein kleines Dorf östlich von Karlovy Vary (Karlsbad) war vor dem zweiten Weltkrieg ein wichtiges Obstanbaugebiet. Auf riesigen Obstplantagen wuchsen Äpfel, Kirschen, Birnen und Walnüsse. Der Krieg zerstörte die Infrastruktur. Die nachfolgende Enteignung der Besitzer und spätestens mit dem Zusammenbruch des sozialistischen Systems starb auch der Obstanbau in dem Gebiet. Lediglich die Landbevölkerung deckt ihren Eigenbedarf mit dem einheimischen Obst. Exportversuche gleich nach der Grenzöffnung scheiterten an bürokratischen Hürden. Den Aufbau des eigenen Marktes beschreiben die Betroffenen als langwierig und schwierig. Trotz aller Probleme ist das Gebiet auf tschechischer Seite für die „Apfelforscher“ interessant. Im einst von Deutschen besiedelten Gebiet wachsen die gleichen Sorten wie auf sächsischer Seite. „Nur übertreffen die dortigen Wiesen in Schönheit und Größe bei weitem unsere Anlagen“, berichtet Christoph Mann, Geschäftsführer des Landschaftspflegeverbandes. Auf viele Hektar großen Flächen verbreiten jedes Jahr Millionen von Apfelblüten einen wunderbaren, süßen Duft. Seit Jahrzehnten sind die Wiesen nicht bewirtschaftet. Keiner schneidet die Bäume, niemand erntet die Früchte. „Die ‚Supermarktmentalität‘ hat auch im Nachbarland Einzug gehalten“, bedauert Mann. Dabei wachsen gerade im südlichen Teil des Untersuchungsgebietes Tafeläpfel, die man frisch und ohne lange Transportwege auf den Markt bringen könnte. Die Äpfel der höheren Lagen gelten allgemein als Mostäpfel, was jedoch nicht ganz stimmt. Viele Sorten sind zum Frischverzehr genauso gut geeignet wie ihre südlichen Verwandten. Während es im Vogtland noch vereinzelt Keltereien gibt, die Äpfel der Streuobstwiesen zu Direktsaft verarbeiten, ist dieser Markt auf tschechischer Seite völlig zusammengebrochen.

Das gemeinsame Projekte hat es sich zum Ziel gesetzt, die ökologischen Kreisläufe der Region Vogtland grenzüberschreitend in Schwung zu bringen. Eigene Mostereien sollen die Früchte zu Direktsaft verarbeiten, der ökologischen Kriterien entspricht. Kurze Transportwege garantieren die Frische der Produkte. Neue Demonstrationsstreuobstwiesen sollen auf beiden Seiten der Grenze entstehen. Auch über die Pflege der Wiesen haben sich die Projektmitarbeiter bereits Gedanken gemacht. Unter den hochstämmigen Bäumen können Ziegen, Schafe und Rinder weiden. Damit ist auch die Pflege von Steilhängen gesichert.

Gleichzeitig sorgen die Tiere für eine natürliche und preiswerte Düngung. Der Kreislauf Boden – Pflege – Tiere – Boden ist geschlossen. Seit Ende des 2. Weltkrieges blieb diese Obstplantage sich selbst überlassen. Zum Teil über 170 Jahre alter Kirschbäume blühen und fruchten ganz ohne Pflege. Den Markt wieder anzukurbeln ist Voraussetzung, um die Äpfel auch auf tschechischer Seite verarbeiten zu können. „Wir wollen die traditionelle Verwendung der Früchte publik machen und auch Rezepte zusammenstellen. „Äpfel lassen sich als Kompott einkochen und zu Muß verarbeiten.“ Am Anfang steht jedoch die Kleinarbeit. Möglichst viele Sreuobstwiesen, aber auch Einzelbäume wollen die Mitarbeiter auflisten. „Je älter ein Bestand, desto besser“, weiß Mann. Einzelbäume kommen ab einem Alter von 50 Jahren ins Kataster. Besitzer solche Exemplare sind aufgefordert, sich beim Verband zu melden. Mit Maßband, Stift und Papier untersuchen die Fachleute den Baum auf „Herz und Nieren“. Stammumfang, Alter, Fruchtbarkeit, Sortenbezeichnung, Pflegezustand, Gesundheitszustand, Höhenlage und schließlich der Name des Baumbesitzers kommen in die Liste. Der Besitzer des Baumes liefert oft wichtige Hinweise über die Qualität des Apfels und die Fruchtbarkeit. „Sicher lassen sich die meisten Sorten aus Baumschulen beziehen“, erklärt Mann die komplizierte Vorgehensweise, „doch aus weit entfernten Baumschulen mit anderem Klima und anderer Höhenlage ist das Anwachsen nicht gewährleistet“. Von einem alten Baum lassen sich oft keine Reiser abnehmen. „Das Holz treibt keine Ruten mehr“, so Manns Erfahrung. Der erste Schritt ist daher oft das Zurückschneiden des Baumes, um das Wachstum wieder anzuregen. Im zweiten Jahr lassen sich dann die gewünschten Reiser schneiden, die den folgenden Winter eingeschlagen im Boden verbringen. Dieser uralte Birnbaum gehört zu den eher seltenen Erscheinungen vogtländischer Bauerngärten. Er steht in Waldkirchen, einem kleinen Dorf im nördlichen Teil des Untersuchungsgebietes. Im darauf folgenden Frühjahr gelangen die Reiser in die fachkundigen Hände einer erfahrenen Baumschule. Nach zwei bis drei Jahren kauft der Landschaftspflegeverband die veredelten Bäume als Hochstämme zurück. Halbstamm und Spindelbüsche sind als Errungenschaften jüngerer Zeit den immer kleiner gewordenen Gärten geschuldet. Echte Streuobstwiesen bestehen traditionell aus Hochstämmen. Deren Lebenserwartung ist größer. Allerdings setzt der Ertrag auch später ein, hält dafür aber länger an. „Sorten die trotz jahrzehntelanger Vernachlässigung jährlich blühen und fruchten sind auf jeden Fall robust“, steht für Christoph Mann schon jetzt fest. In seiner Liste vom Vorjahr befinden sich schon jetzt 103 verschiedene Apfelsorten. Zu einer richtigen Streuobstwiese gehören auch Birnen, Kirschen und Pflaumen. Allein auf der größten Vogtländischen Streuobstwiese in Görnitz kamen seit vorigem Jahr über hundert neue Bäume dazu. Auch dieses und das folgende „Apfeljahr“ beschließt der Landschaftspflegeverband mit einer Kernobstmesse. Die Ziele für die folgenden fünf Jahre stehen ebenfalls fest: Neue Streuobstwiesen mit alten Vogtländischen Sorten sollen entstehen. Ziegen, Schafe und Rinder können das Gras unter den Bäumen abweiden. Damit stellt auch die Bepflanzung und Pflege extremer Lagen kein Problem mehr dar. Auch jenseits der deutschen Grenze finden sich gepflegte Streuobstwiesen, wie hier vor den Toren der Ortschaft Valec. Auf einer extra Freifläche pflanzten die Mitarbeiter des Landschaftspflegeverbandes Wildobstgehölze. An der Komplettierung der Streuobstwiese beteiligte sich auch die betagte Besitzerin des ehemaligen Forsthauses, zu welchem die Görnitzer Wiese gehört. In den 20er Jahren entstand diese Anpflanzung. Zum Teil vorhandene Emailleschilder mit den Sortennamen der Bäume erleichterten den Pomologen die Arbeit beim Bestimmen. Auch auf tschechischer Seite wurde schon im vorigen Jahr eine neue Streuobstwiese angelegt. Typische Streuobstwiesen wie sie früher üblich waren, heute aber nur noch selten zu finden sind, im nördlichen Teil des Vogtlandes. Pavla Buresova aus Tschechien und Kristin Gößinger aus Thüringen die das neue Obstprojekt bekleiden, bei Vorbereitungsarbeiten zur Kernobstschau 2000.

 

 

 

 

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